Tilo Jung: Ein Beispiel linker Doppelmoral

Wirklich gerne schaue ich Tilo Jungs ausführliche und größtenteils sympathische 1-on-1-Interviews mit deutschen Politikern. Das Format ist frisch und bringt einem die Interview-Partner nicht nur inhaltlich sonder gerade auch menschlich näher — wie es in Presse und Talkshow meist kaum möglich ist. Besonders vor der Bundestagswahl fand ich seine ein- bis zweistündigen Videos mit Politikern aller Couleur sehr hilfreich, um mir ein eigenes Bild der Menschen und ihrer Sichtweisen hinter den alltäglichen Medien-Schlagzeilen zu machen.

Das überzeugende Format hat sogar geholfen über Tilos eigene politische Meinungen hinweg zu sehen, die wahrscheinlich nicht ganz den meinigen entsprechen. Er bemüht sich zwar halbwegs neutral — und im Zweifel gewollt naiv — in seinen Fragestellungen zu bleiben, aber lässt trotzdem seine eher linksgeprägte Haltung durchblicken. Wenn er zum x-ten Mal vorschlägt Susanne Klatten 3 ihrer 10 Milliarden (ich meine das waren seine Zahlen) als Vermögenssteuer abzunehmen, möchte ich ihm jedes Mal gerne erwidern, dass diese im bundesdeutschen Haushalt schneller verpufft sind, als er ein paar seiner Videos zusammenschneiden kann, und er ebendies auch nur ca. 3 Mal, bzw. 3 Jahre lang, machen kann, bis Frau Klatten selbst nichts mehr hat und mit halb Berlin (Vorsicht Übertreibung) auf Allgemeinkosten leben muss. Ganz zu schweigen davon, dass alle anderen Klattens Deutschlands schneller aus dem Land sind, als wir alle schauen können.

Ich bin mir nicht sicher, inwieweit Tilo sich im Klaren darüber ist, dass er, zu vermutlich seinem eigenen Leidwesen, zum Erfolg der AfD beigetragen hat. Wenn man sich die deutlich höheren (oft um ein Mehrfaches) View-Zahlen seiner Videos mit AfD-Politikern anschaut, kann man kaum kleinreden, dass er geholfen hat die Menschen hinter den vermeintlichen “Nazis” zu sehen — und auch mit ihnen zu sympathisieren. Ein Gauland, eine von Storch oder auch eine Petry haben hier in meinen Augen rationale, liberale und konservative Ansichten vertreten ohne menschenverachtendes Gedankengut preiszugeben, was wohl viele gerne gesehen hätten, um sich in ihrem Bild bestätigt zu sehen.

Nun bin ich vorhin über den hier abgebildeten Tweet Tilos gestolpert:

Da sucht er doch glatt eine unbezahlte Assistenz bzw. einen unbezahlten Praktikanten — mit der Betonung auf unbezahlt! Ich glaube ich unterstelle ihm nichts, wenn ich ihn hier als Mindestlohnbefürworter darstelle, der diesen eher ausgebaut als abgeschafft sehen möchte. Bitte korrigiere mich, lieber Tilo, wenn ich daneben liege, aber das war mein Eindruck von vielen Stunden mit dir auf YouTube. :) Und nun möchtest du selbst nur unbezahlte Arbeit einstellen? Wenn mich nicht alles täuscht hast auch du dich in deinen Videos — wenn nicht einmal, dann mehrfach — implizit gegen unbezahlte Praktika ausgesprochen. Und ich glaube auch nicht zu weit zu gehen, wenn ich dir hier finanziellen Erfolg deiner Arbeit unterstelle. Diesen gönne ich dir bis auf den letzten Cent, da ich deine Arbeit, wie oben erwähnt, sehr schätze. Ich glaube sogar, dass du sehr, sehr gut von den Spenden deiner Unterstützer auf dein Privatkonto leben kannst. Wenn du selbst keine Transparenz schaffen möchtest — zu der du natürlich nicht verpflichtet bist, aber schon auf der ein oder anderen Stelle darauf hingewiesen wurdest — möge man sich mal die Arbeit machen und all die Spender, die du am Ende deiner Videos auflistest, zusammenzuzählen und so abzuschätzen, was dort ungefähr bei dir ankommt. Ich vermute es ist recht viel, aber diese Rechnung mache ich jetzt hier nicht auf, sondern überlasse sie gerne deinem zukünftigen unbezahlten Praktikanten.